Programm ’18 / Volksfronten

„Vielleicht Faschismus oder auch gar nichts”: Horrorfilm als Maintenance des Lochs im Volk (und vice versa)

Drehli Robnik, Wien-Erdberg
kozek hörlonski & Alexander Martinz
kozek hörlonski & Alexander Martinz, Dämonische Leinwände II - Arrival, 2018, Setfoto, Foto: Thomas Hörl/kozek hörlonski
Die Modernisierung/Kapitalisierung öffentlichen Raums werde, so schreibt Siegfried Kracauer 1930, „wer weiß was ausbrüten – vielleicht den Faschismus [sic!] oder auch gar nichts“. Mit dieser Denkfigur politischer Kontingenz im Kopf, mit aktuellen Phänomenen nationalautoritären Regierens im Blick geht’s um Horrorfilm: „Horrorfilm heute“ im weiten Sinn und in politischer Perspektive. Filme wie Mad Max: Fury Road, It Follows, Der Nachtmahr oder Get Out halten am „Volk“, seinen Formen und Fronten, das Moment des „Faschismus oder auch gar nichts“ fest. Ein Kino, das die Erfahrung systematischer sozialer Unsicherheit wahrnehmbar macht (d.h.: im Angstschweiß denkbar macht), kurz: Horrorfilm, sofern er den Spaß an der Angst ernst nimmt, geht davon aus, dass die politische Formung von Gesellschaften so oder so ausfallen kann, zumal sie strittig ist. Ganz besonders wenn Faschismus im Raum steht (wie im Bildhintergrund eines Home Invasion-Schockers). In diesem Raum, den der NeoNazionaLiberalismus mit Volk füllen will, hütet Horrorfilm – Volkshorrorfilm – das Loch. Am Volk ist nichts falsch; an seiner Fülle alles. Das Loch lässt wahrnehmen (nah an Wahrheiten): durch Einsicht in „verborgne Stätten der Produktion“, die Gesellschaft als Fleisch reproduzieren, wie im 1980er BodyHorror eines Cronenberg oder von Society; oder Einsicht in rassistische Ideologien wie in Get Out. Nicht zuletzt heißt horrible maintenance des „Lochs in der Endlichkeit“ (Alenka Zupančič), dass – und sei es in Maximum Madness & Fury – auch Ideen ins Spiel kommen: etwa solche einer Gerechtigkeit, durch die Volk sich anders frontet als zur FrontexFestung.

Drehli Robnik ist Theoretiker in Sachen Film & Politik, Essayist, Edutainer. „Lebt“ in Wien-Erdberg. Arbeiten zu öffentlichen Inszenierungen politischer Machtverhältnisse/Subjektivierungen (Film, Popmusik, Public History). Doktorat Uni Amsterdam. Herausgeber u.a. der Film-Schriften Siegfried Mattls (2016). Jüngste Monografien: Film ohne Grund. Filmtheorie, Postpolitik und Dissens bei Jacques Rancière (2010); Kontrollhorrorkino: Gegenwartsfilme zum prekären Regieren (2015); DemoKRACy: Siegfried Kracauers Politik*Film*Theorie (2019).

Related
Programm ’18 / Volksfronten

Dämonische Leinwände I – Uninvited (2017)
Dämonische Leinwände II – Arrival (2018)

Installationen und Filme