Programm ’18 / Volksfronten

Conchita vs. Gabalier
Von der „Insel der Seligen“ zur illiberalen Demokratie? Österreich zwischen Tradition und Moderne, zwischen Verschwinden und Wiederkehr. Ein Heimatabend

Martin Behr & Martin Osterider, from the series Triester
Martin Behr & Martin Osterider, from the series Triester, 2003–. Courtesy the artists

Nationale Identität definiere sich über ein Territorium, das metaphorisch auch als Körper wahrgenommen werde, sagt die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak. Wie sieht er nun aus, dieser sogenannte „nationale Körper“, für den es zwei gänzlich unterschiedliche Projektionen gibt. Da ist die österreichische Eurovision-Song-Gewinnerin mit Bart – die Kunstfigur Conchita Wurst – auf der einen Seite und der Authentizität vorgebende „Volks-Rock’n’Roller” Andreas Gabalier auf der anderen. Weltoffenheit, Liberalität und Extrovertiertheit vs. Heimatbeschwörung, Traditionalität und ebenso Extrovertiertheit – zwei Ansätze, die polarisieren und nicht frei von Fiktionen sind. Österreich ist im Umbruch, politisch, gesellschaftlich, sozialpsychologisch, medial. Ein neuer Nationalismus weht, „hybride populistische Gedanken“ (Paul Sailer-Wlasits) sind ebenso salonfähig wie Abschottung vor dem Fremden. Die schon verschwundene Lederhose ist wieder schick; eine harte Tonart gegenüber Geflüchteten auch. Unter deutschen Rechten gilt Österreich heute als Vorbild. Quo vadis, Alpenrepublik? Befindet sich das Land auf dem Weg in eine illiberale Demokratie? Und steht die grassierende Brauchtumsnostalgie bei dieser Entwicklung Pate?

13.10., 19:00

Orpheum
Orpheumgasse 8
8020 Graz

Google Maps

Deutsch

Freier Eintritt

Prolog: 
Gabriela Hiti liest aus Songtexten heimischer Interpret*innen

Unter der Leitung von Colette M. Schmidt diskutieren:
Olga Flor
Gerald Grosz
Monika Primas 
Markus Rheindorf
Kathrin Stainer-Hämmerle 
Gerhild Steinbuch

Interruption: 
Nina Höchtl, Kate Strain und Julia Wieger präsentieren Ergebnisse des Forschungsprojekts Department of Ultimology

Musikalischer Epilog: 
Politdisko von und mit Ed. Hauswirth
(Fortsetzung in der herbstbar)

Screening: 
Windelpracht, Markus Wilfling, 2018, Österreich, Farbe, Ton, 6 min. (Loop)

Konzept: 
Martin Behr

Martin Behr (1964, Graz) ist Kunsthistoriker und Redakteur, Kurator und Künstler sowie Mitglied der Künstlergruppe G.R.A.M. Er lebt in Graz.

Das Department of Ultimology ist ein laufendes künstlerisches Bildungsprojekt, das im Januar 2016 von Fiona Hallinan und Kate Strain (Grazer Kunstverein) ins Leben gerufen wurde und vorsieht, 100 Jahre lang als Studienfach am Trinity College in Dublin zu bestehen. Das Department of Ultimology betreibt sowohl innerhalb als auch außerhalb eines universitären Rahmens qualitative Forschung zu bedrohten Wissensbereichen in Form von Konferenzen, Workshops und Ausstellungen. In Kooperation mit dem steirischen herbst’18 etablierte das Department eine künstlerisch-wissenschaftlich agierende Ultimology-Arbeitsgruppe in Graz, geleitet von Nina Höchtl und Julia Wieger.

Olga Flor (1968, Wien) ist Schriftstellerin. Sie verfasst Romane, Essays und Stücke für Theater und Musiktheater. In Politik der Emotion (2018) wendet sie sich gegen populistische Propaganda und betont die Notwendigkeit eines kämpferischen öffentlichen Diskurses. Sie lebt in Graz.

Gerald Grosz (1977, Graz) ist ein ehemaliger Politiker der FPÖ und des BZÖ. Er war Bundesobmann des BZÖ (Oktober 2013–März 2015) sowie Nationalratsabgeordneter und Landesobmann der steirischen Landesorganisation.

Ed. Hauswirth (1965, Graz) ist Regisseur und Künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof sowie seit mehreren Jahren auch als Freizeit-DJ tätig. Das TiB versteht sich als zeitgenössisches Volkstheater und setzt sich seit seinen Anfängen mit österreichischer Identität zwischen Tradition und Pop auseinander. 

Gabriela Hiti (1968, Graz) ist Schauspielerin, Theatermacherin und Ensemblemitglied des Theater im Bahnhof. Sie lebt in Graz.

Monika Primas (1967, Graz) ist Geschäftsführerin der Volkskultur Steiermark GmbH. In ihrer Tätigkeit setzt sie einen Schwerpunkt auf die empathische Auseinandersetzung mit volkskulturellen Inhalten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation sowie deren Interpretation im zeitgemäßen Kontext. Sie lebt in der Weststeiermark.

Markus Rheindorf (1978, Wien) ist Linguist und lehrt an den Universitäten Wien und Klagenfurt. Er hat über Conchita und Andreas Gabalier veröffentlicht sowie zur Vorstellung eines österreichischen „Gemeinwesens“ und zur Identitätskonstruktion. Er lebt in Wien.

Colette M. Schmidt (1971, Kitchener, Kanada) ist Germanistin und Journalistin bei der Tageszeitung Der Standard und hat sich in den vergangenen Jahren unter anderem auf Rechtsextremismus und Gedenkkultur spezialisiert. Sie lebt in Wien.

Kathrin Stainer-Hämmerle (1969, Hohenems, Österreich) ist Politik- und Rechtswissenschaftlerin. Sie ist Professorin für Politik-wissenschaft an der Fachhochschule Kärnten in Villach und Polit-Kommentatorin im ORF. Zahlreiche Lehraufträge, Studien und Publikationen in den Bereichen Politische Bildung, Wahlrecht, Partizipations- und Demokratieforschung.

Gerhild Steinbuch (1983, Mödling, Österreich) ist Schriftstellerin, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien und am Institut für Germanistik in Leipzig lehrt. Sie ist Gründungsmitglied von Nazis & Goldmund, einer Vereinigung von Autor*innen gegen die Europäische Rechte. Sie lebt in Berlin.

Markus Wilfling (1966, Innbruck) ist Bildhauer und beschäftigt sich in seiner Praxis mit damit verbundenen medienspezifischen Problemstellungen. Er lehrt an der Ortweinschule Graz und ist Gründungsmitglied von Schaumbad - Freies Atelierhaus Graz. Er lebt und arbeitet in der Steiermark.

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